Die Elemente von ESG

Anders als andere Wissenschaftszweige entsprang die Chemie ursprünglich Illusionen und Aberglauben und lag zu Beginn auf einer Stufe mit Zauberei und Astrologie.
Thomas Thomson, schottischer Chemiker, 1773–1852

Obwohl sich die Chemie erst im 16. Jahrhundert von ihrer Vorgängerin, der Alchemie, abgespalten hat, reichen ihre Ursprünge bis zu den Anfängen der Menschheit zurück. Chemiker begannen, wissenschaftliche Methoden anzuwenden, um Experimente durchzuführen und verschiedene Theorien zu beweisen. Heute ist dieser Wissenschaftszweig fest etabliert, ebenso wie Physik, Biologie und andere „exakte“ Wissenschaften.

Wie in der Chemie waren nachhaltige Überlegungen schon immer Teil unseres kollektiven Bewusstseins. Sie werden auch als ESG-Kriterien bezeichnet: Environmental / ökologisch, Social / sozial, Governance / Unternehmensführung. Aber während die Chemie die Elemente untersucht, aus denen Stoffe bestehen, untersucht ESG die wesentlichen Risiken und Chancen, die für potenzielle Kapitalanlagen eine Rolle spielen. Aber wie definiert man ESG genau? Und wie unterstützt die Identifizierung wesentlicher ESG-Risiken neben anderen Risiken (zum Beispiel finanziellen Risiken) das Erreichen langfristiger Anlageziele?

Es ist an der Zeit, sich von illusorischen und abergläubigen Vorstellungen zu lösen und sich stattdessen darauf zu konzentrieren, wie ESG-Kriterien Anlegern, Vermögensverwaltern und Unternehmen sehr konkret dabei helfen können, ihre Interessen aufeinander auszurichten, um ein besseres Portfolio und letztendlich eine bessere Welt zu schaffen. Wenn wir uns mit den Ausprägungen von Nachhaltigkeit / ESG vertraut machen, werden wir erkennen, was ESG von anderen Arten des verantwortungsbewussten Handelns unterscheidet, welche Trends die Aufnahme von ESG-Grundsätzen in Anlagestrategien vorantreiben und worauf Anleger bei einem Fondsmanagement mit ESG-Fokus achten sollten.

 

KAPITEL 1

Molekulare Struktur:
Was versteht man unter nachhaltigen
Geldanlagen / ESG- Investment
(und was nicht)?

Beginnen wir mit den Grundlagen: Wie definiert man nachhaltige Geldanlagen / ESG- Investments?

Nachhaltige Geldanlagen / ESG-Investments konzentrieren sich auf die Verringerung von drei Arten wesentlicher Risiken:

Ökologische Risiken. Mit ökologischen Faktoren wird geprüft, wie sich ein Unternehmen in Bezug Umweltschutz und Nachhaltigkeit verhält. Zu den Umweltrisiken und -chancen zählen unter anderem der Energieverbrauch, die Abfallentsorgung, die Flächennutzung und die CO 2 - Bilanz eines Unternehmens.

Soziale Risiken. Anhand sozialer Faktoren wird sichtbar, wie ein Unternehmen mit Mitarbeitern und Zulieferern umgeht. Die Risiken und Chancen können unter anderem Programme eines Unternehmens zur Förderung der Gesundheit und des Wohlergehens der Mitarbeiter umfassen, aber zum Beispiel auch die Frage, inwieweit die Werte des Unternehmens in den Geschäftsbeziehungen mit Zulieferern berücksichtigt werden.

Unternehmensführung (Corporate Governance) betreffend. Beispiele für die Beurteilung guter Unternehmensführung sind die Strukturen zur Entscheidungsfindung, die Unabhängigkeit von Aufsichtsratsmitgliedern, die Behandlung von Minderheitsaktionären, die Vergütung der Manager und das politische Engagement.

Diese breit gefassten Kategorien sind die Grundlage für eine eingehende Beurteilung von ESG- Risiken. Sie liefern wichtige Informationen über die Werte und Praktiken eines Unternehmens sowie über potenzielle Risiken, die vor einer Geldanlage identifiziert und gesteuert werden sollten.

Was ist ESG nicht?

Die Beurteilung von Nachhaltigkeitskriterien / ESG-Anlagerisiken sollte nicht mit sozial verantwortlichem Investieren, auch als SRI (Socially Responsible Investing) bezeichnet, verwechselt werden. Sowohl SRI als auch ESG sind zwar auf eine Reihe von ESG-Kriterien ausgerichtet, wie etwa Menschenrechte, Klimawandel oder Unternehmensethik. Sie unterscheiden sich jedoch darin, in welcher Weise sie auf ein Anlageportfolio angewandt werden. Die Kriterien für SRI sind in der Regel übergeordnete Themen oder Anforderungen von Kunden, die in einem Portfolio beachtet werden sollen. Die Manager versuchen, „schlechte“ Unternehmen zu vermeiden, um ein „gutes“ Portfolio mit einem moralischen Ansatz aufzubauen.

Anleger möchten möglicherweise bestimmte Aktivitäten oder Produkte nicht in ihren Portfolios haben, wie etwa Tabak oder Waffenproduktion. SRI-Filter können dabei helfen, diese Anlagen zu vermeiden. SRI-Kriterien können auch als Rangfolgesystem innerhalb von Sparten oder Anlageklassen dienen, etwa um Anlagen mit einer geringeren CO 2 -Bilanz einen höheren Stellenwert beizumessen. Fonds, die SRI-Techniken einsetzen, legen im Rahmen ihrer Anlageverwaltungsvereinbarungen Kriterien fest, an die sich die Manager halten müssen.

Diese Techniken können den Anlegern zwar dabei helfen, verantwortungsbewusster zu investieren, sind aber in der Regel nicht so umfassend wie die volle Integration von ESG- Kriterien in eine Anlagestrategie. Die Vorgabe breit gefasster moralischer Themen, die eingehalten werden müssen, oder die Festlegung von Anlagekategorien, die vermieden werden sollten, wird den unterschiedlichen Fragen nicht gerecht, die sich Fondsmanager stellen müssen, wenn sie ESG-Themen ganzheitlich in ihre Anlagephilosophie und -prozesse einbeziehen möchten. Ein integrierter ESG-Ansatz sollte die wesentlichen Risiken und Chancen untersuchen, die sich aus ESG-Kriterien für ein Unternehmen ergeben. Diese Erkenntnisse sollten gemeinsam mit den finanziellen Risiken beurteilt werden, um sich ein besseres Bild von der Werthaltigkeit einer Anlagemöglichkeit machen zu können.

Die Beurteilung von Nachhaltigkeitskriterien / ESG-Anlagerisiken sollte nicht mit sozial verantwortlichem Investieren, auch als SRI (Socially Responsible Investing) bezeichnet, verwechselt werden.

 

KAPITEL 2

Fundamentale Eigenschaften:
Warum ist ESG wichtig?

Wir werden diese Frage von verschiedenen Standpunkten aus beleuchten – jeweils aus Sicht eines Anlegers, eines Vermögensverwalters und eines Unternehmens.em>

Anleger: Aus der Perspektive der Anleger hat sich die Berücksichtigung von ESG-Faktoren im letzten Jahrzehnt von etwas Wünschenswertem zu einer notwendigen Voraussetzung entwickelt. Dies kann auf viele verschiedene Trends zurückgeführt werden. Einer davon ist das zunehmende Bewusstsein der Auswirkungen des Klimawandels und anderer von Menschen verursachter Umwelteinflüsse, insbesondere angesichts der Zahl der extremen Wetterereignisse in der letzten Zeit. Ein anderer Trend ist die Veränderung der demografischen Zusammensetzung der globalen Anlegerbasis, die zunehmend mehr Frauen und Millennials 1 umfasst. Diese beiden Gruppen zeigen ein verstärktes Interesse an einem verantwortungsbewussten Handeln, was auch als „Stewardship“ bezeichnet wird. Nicht zuletzt verdeutlichen die jüngsten Forschungsergebnisse, dass die Berücksichtigung wesentlicher ESG- Risiken im Anlageprozess dazu beitragen kann, einen qualitativ hochwertigen Ertragsstrom zu erwirtschaften, der langfristig stabil sein dürfte. Diese Vorgehensweise überzeugt intuitiv, da potenzielle Anlagechancen noch gründlicher untersucht werden. Institutionelle Anleger setzen immer stärker auf ESG-Investments. Laut einer kürzlich veröffentlichten Umfrage von State Street Global Advisors berücksichtigen mittlerweile 80 % der Institutionen in ihren Anlagestrategien eine ESG-Komponente. Mehr als zwei Drittel dieser Institutionen gaben an, dass die Integration von ESG ihre Renditen erheblich verbessert hat. 1 Eine Umfrage von BNP Paribas Securities Services kam zu dem Ergebnis, dass zwar fast die Hälfte dieser Anleger bisher nur bis zu 25 % ihres Vermögens nach spezifischen ESG-Kriterien anlegt. Sie beabsichtigen jedoch, diesen Anteil in den nächsten zwei Jahren auf über 50 % zu erhöhen. Und die Vermögensverwalter reagieren auf diese wachsende Nachfrage nach ESG- Produkten. Von den 80 % der Vermögensverwalter, die ESG-Investments anbieten, vermarkten derzeit 40 % bis zu einem Viertel ihrer Fonds als ESG-Fonds oder als Fonds für verantwortungsbewusstes Investieren (RI = Responsible Investment). Mehr als die Hälfte (54 %) gaben weiterhin an, sie hätten die Absicht, in zwei Jahren mindestens die Hälfte ihrer Fonds als ESG-Produkte anzubieten.2

Im Rahmen des Angebots für Privatanleger führte das wachsende Interesse an ESG-Anlagen zusammen mit der Bedeutung der treuhänderischen Pflicht zu einem verstärkten Einsatz von Stewardship-Strategien und einer umfassenderen Integration von ESG-Faktoren. Viele Privatanleger achten jetzt stärker darauf, welchen Einfluss ihre Anlagen auf die Welt um sie herum haben. Laut einer Umfrage von Morgan Stanley aus dem Jahr 2015 wollen 71 % der Privatanleger nachhaltig anlegen. 65 % der Privatanleger erwarten, dass nachhaltiges Investieren in den nächsten Jahren weiter an Bedeutung gewinnen wird. Zur gleichen Zeit registrieren Finanzberater ein größeres Interesse ihrer Kunden an Stewardship- und ESG- Fragen. Bei einer Umfrage zu den Ansichten von Finanzfachleuten anlässlich einer SRI- Konferenz im Jahr 2015 waren 73 % der Finanzberater der Ansicht, dass Impact Investing (wirkungsorientiertes Investieren) in den kommenden 5 Jahren ein „etwas größerer“ oder „erheblich größerer“ Teil ihrer Tätigkeit sein werde.3

Vermögensverwalter: Risikomanagement wird für Vermögensverwalter immer wichtiger. Denn die Märkte befinden sich in einem ständigen Wandel, wodurch Risiken entstehen und sich verändern. Die Einbeziehung von ESG-Risiken in Anlageentscheidungen hilft Vermögensverwaltern dabei, ein fundamentales Verständnis für die wichtigen Risiken und Chancen zu gewinnen, die mit den einzelnen Unternehmen oder Vermögenswerten verbunden sind. All diese Risiken – unter anderem auch in Bezug auf Internetsicherheit, Supply-Chain- Management (Steuerung der Lieferketten), gesetzliche Änderungen und Umweltauswirkungen – sollten ein Bestandteil der allgemeinen Analyse einer Anlagechance sein. Die einzigartigen Vorteile und möglichen – positiven oder negativen – Risiken einer Anlage zu erkennen, ist ein wichtiger Bestandteil des fundamentalen Investierens. Die wesentlichen Risiken im Zusammenhang mit ESG-Kriterien zu verstehen, trägt zu einem umfassenderen Verständnis jeder potenziellen Portfolioposition bei. Viele Kommentatoren verbinden ESG-Analysen mit „nichtfinanziellen“ Analysen oder Überlegungen. Damit dürften sie die Bedeutung von ESG-Faktoren jedoch unterschätzen. Diese Faktoren sind ebenso wichtig für das Verständnis der finanziellen Verfassung eines Unternehmens wie das Verstehen der Finanzberichte des Unternehmens, wenn auch vielleicht nicht auf sehr kurze Sicht. Wenn ein ESG-Risiko jedoch mittel- bis langfristig auftritt, wird es auch bald signifikante Auswirkungen auf die Finanzlage eines Unternehmens und seine Fähigkeit haben, Renditen für die Anleger zu erwirtschaften.

Durch eine ganzheitliche Integration von ESG-Kriterien auf fundamentaler Basis können Investmentmanager den Vermögenswert, in den sie investieren, besser bewerten. Damit vermeiden sie es, zu viel für eine Anlage zu zahlen. Die jeweiligen wesentlichen Sachverhalte einer Anlage zu verstehen, hilft den Verwaltern, die bestmögliche Gewichtung für eine bestimmte Anlage in einem Portfolio zu bestimmen. Anleger, die ESG voll in ihren Anlageprozess integriert haben, können auch besser auf Unternehmen einwirken, um Änderungen bei Kriterien anzustoßen, die die bedeutendsten Auswirkungen auf ihr Geschäft haben werden. Nicht zuletzt hilft die ESG-Integration bei der Steuerung des Verlustrisikos, das heißt des Risikos, dass eine Anlage an Wert verliert, weil ein wichtiges Risiko für das Unternehmen zunimmt.

Unternehmen: Aufgrund des größeren Interesses von Anlegern und Vermögensverwaltern an ESG und verantwortungsbewusstem Investieren, passen die Unternehmen ihre Berichterstattungspraktiken an, um ihr Engagement für Nachhaltigkeit und andere ESG- Kriterien zu zeigen. Auf einer kürzlich abgehaltenen Podiumsdiskussion unter der Schirmherrschaft von Pensions & Investments legten vor 5 Jahren noch weniger als 25 % der 500 weltweit größten Unternehmen Nachhaltigkeitsberichte vor. 2017 erstellten bereits über 80 % dieser Unternehmen solche Berichte. 4 Die nachstehende Abbildung zeigt die zunehmende Einführung von ESG-Berichten bei den Unternehmen im MSCI ACWI Index.

Fokus auf die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) bei den Unternehmen im MSCI ACWI zum 31. Dezember 2016

  • ACWI-Unternehmen mit über 20 % Einnahmen im Bereich Grundbedarf, die Nachhaltigkeits- und SDG-Berichte vorlegen
  • ACWI-Unternehmen mit über 20 % Einnahmen im Bereich Grundbedarf, die Nachhaltigkeitsberichte vorlegen
  • ACWI-Unternehmen mit über 20 % Einnahmen im Bereich Grundbedarf
Quelle: MSCI ESG Research, Dezember 2016

Durch eine ganzheitliche Integration von ESG-Kriterien auf fundamentaler Basis können Investmentmanager den Vermögenswert, in den sie investieren, besser bewerten.

Nur über Nachhaltigkeitspraktiken zu berichten, genügt aber nicht mehr. ESG-Risiken sind ebenso wichtig wie finanzielle Risiken und sollten deshalb in gleichem Maße berücksichtigt werden. Aus diesem Grund müssen die Unternehmen ihre wesentlichen ESG-Risiken und Chancen offenlegen und erklären, wie sie damit umgehen wollen. Einige Unternehmen haben Best-Practice-Verfahren eingeführt. Aber andere begnügen sich immer noch damit, diese Informationen in ihre Nachhaltigkeits- oder CSR-Berichte (Corporate Social Responsibility) auszulagern, wo sie leicht übersehen werden können.

Man darf jedoch durchaus hoffen, dass sich diese Situation im Laufe der Zeit verbessern wird. Mehrere internationale Gremien, wie etwa die Global Reporting Initiative (GRI, Globale Initiative zur Berichterstattung) und das Sustainable Accounting Standards Board (SASB, US- amerikanischer Rat für Standards in der Nachhaltigkeitsberichterstattung) treten derzeit für globale Standards für ESG-Risikobeurteilungen ein. Der Weg dahin ist jedoch noch weit.

Nicht zuletzt werden die Unternehmen zunehmend von ihren Aufsichtsräten aufgefordert, besser auf ihr ESG-Profil zu achten. Das Beratungsunternehmen Institutional Shareholder Services berichtet, dass es mittlerweile bei 33 % der Unternehmen im S&P 500-Index mindestens ein Aufsichtsratsmitglied gibt, das Erfahrung im Bereich Corporate Social Responsibility (Soziale Verantwortung des Unternehmens) oder sozial verantwortungsbewusstes Investieren hat. 5 Veränderungen wie diese, die sich an der Spitze der Unternehmensstruktur abspielen, dürften für eine vermehrte Einführung ESG-freundlicherer Ziele sorgen.


1 „ESG Institutional Investor Survey: Performing for the Future.“ State Street Global Advisors, 2017.
2 Quelle: BNP Paribas Securities Services, Mai 2017.
3 „Retail Investors: Rising Interest and Opportunity in Impact Investing.“ TriLinc Global, 2015.
4 „Not Your Parent’s ESG.“ Pensions & Investments, Mai 2017.
5 Skroupa, Christopher P. „Company Valuation -- How ESG Integration Is The Future Standard.“ Forbes, 12. Juli 2017.

Wichtige Ereignisse in der Geschichte der ESG

 

KAPITEL 3

Destillation und Reinigung:
Unterscheidung der ESG-Integration
von anderen Arten nachhaltiger Anlagen

Angesichts der unzähligen Begriffe und Arten von verantwortungsbewusstem Investieren kann man leicht die Orientierung verlieren. Das Spektrum reicht von SRI über ESG-Integration bis zum Impact Investing oder einfach „grünen“ Anlagen. Eine Definition, was diese verschiedenen Anlagearten beinhalten und wodurch sie sich unterscheiden, ist deshalb sicherlich hilfreich. Schauen wir uns dafür einige der gängigsten Begriffe an.

ESG: Die Integration von ESG-Faktoren in den Anlageprozess umfasst die Beurteilung der wesentlichen Risiken und Chancen aus den ökologischen, sozialen und die Unternehmensführung betreffenden Merkmalen eines Unternehmens und seines Umgangs mit potenziellen Risiken. Bei der Beurteilung der Qualität eines Unternehmens und des wahren Werts eines Vermögenswerts sind ESG-Risiken genauso wichtig wie finanzielle. Diese Faktoren können einen erheblichen Einfluss auf den Reingewinn eines Unternehmens und bedeutende Auswirkungen auf das Risikomanagement und das Potenzial zur Generierung von Alpha (die Möglichkeit, eine bessere Rendite zu erwirtschaften als der Markt) haben.

Stewardship: Stewardship kann wertorientierte Maßnahmen aus verschiedenen Perspektiven umfassen. Für einen Anleger kann es zum Beispiel bedeuten, darüber zu entscheiden, in welcher Weise er sein Geld anlegt, wie er die Asset Allocation (Vermögensaufteilung) bestimmt, ein Portfolio aufbaut und eine angemessene Haltedauer festlegt. Aus der Perspektive eines Unternehmens kann dies bedeuten, Mitarbeiter und Aktionäre fair zu behandeln. Stewardship-Kriterien wie gute Unternehmensführung, Unternehmenskultur, Steuerpraktiken, Innovation, Diversität, Arbeitsstandards, Internetsicherheit, Klimawandel und Verhinderung von Bestechung und Korruption können sich hinsichtlich ihrer Auswirkung unterscheiden. Aber alle stellen Herausforderungen und Chancen dar, die bedacht werden müssen.

SRI: Die Abkürzung SRI kann für „sozial verantwortliches Investieren“ (Socially Responsible Investing) oder „nachhaltiges und verantwortliches Investieren“ (Sustainable and Responsible Investing) stehen. Diese Art der Anlage kann eine Negativauswahl umfassen, um Anlagen in bestimmten Arten von kontroversen Unternehmen oder Branchen zu vermeiden, zum Beispiel in den Bereichen Alkohol, Tabak oder Waffenproduktion. Sie kann aber auch in der Fokussierung auf bestimmte breit gefasste Anlagethemen bestehen. Wichtiger ist jedoch, dass SRI vom Kunden ausgeht, nicht vom Investmentmanager.

Umweltverträgliches Investieren: „Grünes“ oder umweltverträgliches Investieren ist darauf ausgelegt, Geld so anzulegen, dass dies der Umwelt zugutekommt. Das Aufkommen von „Green Bonds“ oder Umweltanleihen zur Beschaffung von Mitteln für erneuerbare Energien, für die Erhaltung von Bodenschätzen und andere umweltfreundliche Projekte ist nur eine Möglichkeit, wie diese Art der Kapitalanlage die Entstehung neuer Segmente innerhalb der Anlageklassen fördert.

Impact Investing: Hierbei geht es darum, in Anlagen zu investieren, die nicht nur nach ihrem Potenzial für positive Erträge ausgewählt wurden, sondern auch nach ihrer Fähigkeit, im Rahmen ihrer Geschäftsstrategie eine messbare ökologische und/oder soziale Wirkung zu erzielen. Dies beruht auf der Überzeugung, dass Gelder und Ressourcen in Unternehmen geleitet werden sollten, die aktiv an Lösungen für Umweltprobleme und soziale Missstände arbeiten. Erneuerbare Energien und sozialer Wohnungsbau sind nur einige der weiter gefassten Branchen, die unter diese Anlageart fallen.

Es gibt viele Arten von verantwortlichem Handeln. Aber nicht alle sind gleich. Jede hat ihre eigenen spezifischen Nuancen, die Anlegern bewusst sein sollten, wenn sie einen Ansatz auswählen.

Es gibt viele Arten von verantwortungsbewusstem Handeln. Aber nicht alle sind gleich.

 

KAPITEL 4

Kettenreaktion: Der Aufstieg
des Stewardship-Konzepts in drei Grafiken

Wachstum von nachhaltigen Anlagen in den USA (in Mrd.), 2005-2016

  • Überlappende Strategien
  • Aktionärsbeschlüsse
  • Einbeziehung von ESG-Faktoren
Quelle: US SIF Foundation, 2016

Wachstum der von Vermögensverwaltern nach ESG-Kriterien verwalteten Vermögen (Mrd.)

Quelle: US SIF Foundation, 2016

Das Interesse der Anleger an ESG-Kriterien hat in den letzten Jahren enorm zugenommen.

Nachhaltige, verantwortungsbewusste und Impact (SRI) Investments weltweit, nach Regionen

Quelle: Global Sustainable Investment Review 2016
 

KAPITEL 5

Die Hypothese auf dem Prüfstand:
Wie wirkt sich ESG auf die
Anlageergebnisse aus?

Was hat das alles mit der Wertentwicklung von Anlagen zu tun? Die gute Nachricht lautet, dass zahlreiche in den letzten Jahren durchgeführte Studien eine positive Korrelation zwischen der Betonung von ESG-Kriterien und Anlageergebnissen belegen. Hier sind einige Beispiele:

  • Eine im Journal of Financial Economics veröffentlichte Studie von Alex Edmans aus dem Jahr 2011 untersuchte die Performance eines wertgewichteten Portfolios aus den „100 arbeitnehmerfreundlichsten Unternehmen in Amerika“ und stellte fest, dass Unternehmen mit einer überdurchschnittlichen Mitarbeiterzufriedenheit durchweg gute Renditen erzielten und mit positiven Gewinnen überraschten.
  • Eine Studie der MIT Sloan School of Management und Breckenridge Capital Advisors über den Zusammenhang zwischen ESG und Unternehmensanleihen aus dem Jahr 2016 zeigte eine positive Korrelation zwischen ESG-Faktoren und finanziellen Indikatoren wie Risiko, Kapitalrendite und Fremdkapitalquote. In Zeiten mit Marktturbulenzen waren diese positiven Faktoren sogar noch vorteilhafter.
  • Im Jahr 2015 werteten Gunnar Friede, Timo Busch und Alexander Bassen über 2000 empirische Studien von den 1970er Jahren bis zur Gegenwart aus und veröffentlichten die Ergebnisse im Journal of Sustainable Finance & Investment. Damit wollten sie die Zusammenhänge zwischen ESG und der finanziellen Entwicklung von Unternehmen genauer untersuchen. Die Studie ergab, dass in 90 % der Zeit eine nichtnegative Beziehung zwischen ESG-Faktoren und der finanziellen Entwicklung von Unternehmen bestand und die meisten Studien einen positiven Zusammenhang ergaben.

Dies sind nur einige Bespiele für neuere Studien, die für ESG-Investments sprechen. Es gibt zwar keine Garantie für eine überdurchschnittliche Wertentwicklung. Er erscheint jedoch durchaus sinnvoll, dass die Fokussierung darauf, das Richtige zu tun – nicht nur für den Reingewinn, sondern auch für die Mitarbeiter, die Aktionäre und die Umwelt – zu engagierteren Mitarbeitern, zu einer Verringerung bestimmter Risiken und letztendlich zu einer zufriedenen Anlegerbasis führt. Werden diese Elemente kombiniert, scheinen die guten Absichten gute Geschäftsergebnisse zu unterstützen. Aus der Sicht von Anlegern sind dies gute Nachrichten.

Zahlreiche in den letzten Jahren durchgeführte Studien zeigten eine positive Korrelation zwischen der Betonung von ESG-Kriterien und Anlageergebnissen.

 

KAPITEL 6

Auflösung der Gleichung:
Wie misst man ESG?

Wir haben nun einen kurzen Blick auf die wissenschaftlichen Grundlagen für den Aufstieg von ESG-Investments geworfen. Aber wie bei jedem guten wissenschaftlichen Experiment müssen wir in der Lage sein, den Einsatz für ESG zu messen, und zwar sowohl aus der Sicht des Vermögensverwalters, für das einzelne Unternehmen oder in einem Portfolio. Dafür gibt viele Möglichkeiten, qualitative und eher quantitative.

Eine Möglichkeit, wie Vermögensverwalter einen greifbaren Beleg für ihre Einhaltung der ESG-Grundsätze vorlegen können, besteht darin, die Grundsätze für verantwortliches Investieren (Principles for Responsible Investment, kurz PRI) der Vereinten Nationen zu unterzeichnen. Die PRI umfassen sechs Grundsätze:

  • Einbeziehung von ESG-Kriterien in Anlageanalysen und die Entscheidungsfindung
  • Handeln als aktive Eigentümer und Einbeziehung von ESG-Kriterien in die Eigentümerpolitik und -praxis
  • Forderung einer angemessenen Offenlegung von ESG-Kriterien von den Unternehmen, in die investiert wird
  • Förderung der Akzeptanz und Umsetzung der PRI in der Investmentbranche
  • Beteiligung an gemeinschaftlichen Bemühungen zur Verbesserung der Effektivität der Umsetzung der PRI
  • Berichterstattung über die Aktivitäten und Fortschritte zur Umsetzung der PRI

Die PRI-Initiative fördert ESG-Investments weltweit. Derzeit befasst sie sich mit der Aufstellung von Orientierungshilfen für ESG-Investments im Bereich der alternativen Anlagen, und zusammen mit dem CFA Institute (Chartered Financial Analyst Institute, gemeinnützige Organisation) arbeitet sie an einer Studie über die Haltung von Anlegern gegenüber ESG.

Die Zustimmung zu den Grundsätzen für verantwortliches Investieren (PRI) nimmt weiter zu

  • Zahl der Unterzeichner
  • Zahl der Anleger
  • Summe der verwalteten Vermögen
  • Für Anleger verwaltete Vermögen
Quelle: PRI Brochure, 2016

Darüber hinaus haben Unternehmen wie Bloomberg, Dow Jones, FTSE Russell, MSCI und Thomson Reuters Indizes entwickelt, mit denen Anleger prüfen können, wie ihre Portfoliopositionen im Hinblick auf ESG-Kriterien abschneiden. Für die Frage, welche Unternehmen einbezogen oder ausgeschlossen werden sollen, verwendet jeder Index andere Faktoren und Methoden für die Erstellung von Rangfolgen. Die meisten richten den Fokus jedoch auf die Umweltverträglichkeit, eine gute Unternehmensführung und faire Arbeitspraktiken. Für die Anleger kann es zwar durchaus hilfreich sein, eine Benchmark (Referenzindex) zum Vergleich heranzuziehen. Indizes dieser Art sind jedoch eher an SRI angelehnt als an ESG, denn sie legen spezifische Kriterien fest, die erfüllt sein müssen, damit ein Unternehmen in den Index aufgenommen wird.

Gleichzeitig haben einige Unternehmen begonnen, Nachhaltigkeitsratings zu veröffentlichen, um den Anlegern dabei zu helfen, den relativen Erfolg ihrer ESG- Strategien anhand einer Benchmark mit ähnlichen Zielen zu beurteilen. Morningstar hat sich zum Beispiel mit Sustainalytics zusammengeschlossen, um Nachhaltigkeitswertungen für Anlagefonds und andere Investmentinstrumente zu entwickeln, die den Fokus auf Stewardship-Kriterien richten. Aber ähnlich wie „ESG“- Indizes stützen sie sich stark auf bestimmte erforderliche Kriterien und passen eher zu SRI- als zu ESG-Investments.

Wir sehen einerseits, dass Benchmarks und Ratings als Ausgangspunkt für Diskussionen über ESG-Kriterien auf den Märkten für Kapitalanlagen durchaus hilfreich sein können. Die Wertungen müssen jedoch im richtigen Zusammenhang gesehen werden. Jeder Anbieter hat seine eigene Definition von Stewardship oder ESG, was Vergleiche zwischen diesen Indikatoren erschwert. Die Anleger müssen die Methoden hinter diesen Vergleichen klar verstehen, damit die Ergebnisse nicht falsch ausgelegt werden. Im Folgenden zeigen wir einige weitere potenzielle Bedenken auf:

Schwierigkeiten bei der Zusammenfassung von ESG-Faktoren: ESG-Risiken sind komplex und umfassen eine große Zahl wichtiger Bereiche, wie das Supply-Chain-Management, CO 2 -Emissionen und Datensicherheit, um nur einige zu nennen. Viele Themen lassen sich nicht klar in die Schublade „E für ökologisch“ oder „S für Soziales“ einordnen, sondern umfassen das gesamte ESG-Spektrum. Es wäre natürlich schön, wenn man all diese vielschichtigen Fragen in einer Gesamtwertung zusammenfassen könnte. Solche Bemühungen sind allerdings letztendlich immer unvollständig und uneinheitlich. Zudem werden in der Branche immer noch unterschiedliche Definitionen verwendet, sei es bei Investmenthäusern oder bei externen Research-Anbietern.

Fehlinterpretation und unterschiedliche Ratingansätze für Fonds: Kennziffern zur Berechnung von Fondsbewertungen können das Risiko in Bezug auf wichtige ESG-Kriterien messen, indem sie die einzelnen Positionen bewerten. Doch das Ergebnis dieser Auswertungen wird der Strategie oder dem Ziel eines Fonds nicht zwangsläufig gerecht. So könnte ein Fondsmanager, der den Schwerpunkt auf ein aktives Engagement bei Unternehmen legt, also auf einen aktiven Meinungsaustausch mit dem Management, um Maßnahmen zur Reduzierung wichtiger ESG-Risiken anzuregen, im Bewertungsprozess unfairerweise benachteiligt werden. Eine Gegenüberstellung von Ansätzen und Methoden kann zu höchst unterschiedlichen Schlussfolgerungen führen. Anleger werden Fondsbewertungen besser verstehen können, wenn sie sich mit den jeweiligen Methoden für die Ratings vertraut machen.

Schwellenwerte bei der Erfassung von Fonds: Damit ein Fonds eine Gesamt-ESG-Wertung erhält, muss nur ein Teil der Fondspositionen eine eigene Wertung haben. In der Regel liegt der Schwellenwert bei rund 50 % bis 60 % des verwalteten Vermögens (AuM = Assets under Management) des Fonds. Das kann dazu führen, dass ein Fonds, bei dem nur gut die Hälfte der Positionen bewertet wurde, mit einem Fonds verglichen wird, bei dem alle Positionen beurteilt wurden. Darüber hinaus nimmt der Schwellenwert auch keine Rücksicht auf die Gewichtung des Wertpapiers im Portfolio. Dies schafft unvermeidliche Komplikationen im Hinblick auf die Bewertungsmethode.

Subjektivität bei der Beurteilung von Kontroversen: Morningstar berücksichtigt bei der Berechnung der Wertung des Gesamtportfolios den „Controversy Score“, also eine Wertung für Kontroversen, in die das Unternehmen verwickelt ist. In gleicher Weise wird für den Fonds ein gesonderter „Portfolio Controversy Score“ ermittelt. Dabei ist jedoch ein großer Grad an Subjektivität vonseiten des Analysten im Spiel, der entscheiden muss, welche Kontroversen als folgenschwer anzusehen sind und wie groß das Risiko ist.

Unterschiede bei den von Unternehmen verwendeten ESG-Maßstäben: Da die weltweite ESG- Berichterstattung nicht einheitlich ist, gibt es zwangsläufig Unterschiede bei den Kennziffern, die Unternehmen in aller Welt ausweisen. Dies führt zu Unstimmigkeiten bei der Offenlegung und erschwert den Vergleich. Anleger sollten grundsätzlich beachten, dass die aussagekräftigste Beurteilung nicht durch Indizes und Ratings erreicht wird, sondern durch einen qualitativen Ansatz. Anleger können selbst fundamentale Kenntnisse erlangen, indem sie Unternehmensberichte lesen, die häufig auch ESG-Risiken und -Chancen behandeln. Der Kontakt mit der Unternehmensleitung oder einem Vermögensverwalter vor der Anlage ist sogar noch effektiver. Auf diese Weise können detailliertere Auskünfte über die Bemühungen zur Reduzierung von ESG-Risiken erfragt werden. Nach der Anlage kann eine regelmäßige Kommunikation mit Vermögensverwaltern und Unternehmen diese auf dem Weg zu nachhaltigeren Wirtschaftsweisen bestärken.

Anleger sollten beachten, dass die gründlichste aussagekräftigste Beurteilung nicht durch Indizes und Ratings erreicht wird, sondern durch einen qualitativen Ansatz.

 

KAPITEL 7

Kühne Experimente:
ESG in Schwellenländern

Schwellenländer sind möglicherweise nicht die erste Zielregion, die Anlegern einfällt, wenn sie an ESG denken. Viele der größten Volkswirtschaften zählen häufig zu den schlimmsten Umweltverschmutzern, und ihre Corporate-Governance-Standards sind schwächer als in den Industrieländern. All dies ändert sich jedoch allmählich, da die Schwellenländer erkennen, dass immer mehr Anleger auf ESG-Aspekte achten.

Die weltweit zunehmende Nachfrage nach ESG-Anlagelösungen veranlasste einige der größten Unternehmen aus Schwellenländern, ihre ESG-Defizite anzugehen. Länder wie Indien und China streben jetzt danach, ihre ökologischen Nachhaltigkeitsbilanzen zu verbessern, wie an ihrer Verpflichtung auf die Ziele der Klimaschutz-Vereinbarung von Paris abzulesen ist. Die Schwellenländer und ihre Unternehmen beginnen, ihre Glaubwürdigkeit in Bezug auf ESG-Aspekte zu verbessern. Diese Entwicklung bietet ein enormes Potenzial für neue und höchst interessante Anlagechancen.

China hat bedeutende Anstrengungen zur Förderung erneuerbarer Energien unternommen, Millionen von Stellen im Bereich saubere Energie geschaffen sowie Solar- und Windfarmen gebaut. Die Nation gilt als dasjenige Land, das die meisten Arbeitsplätze im Bereich erneuerbare Energien geschaffen hat, und ist verantwortlich für die Errichtung von zwei Dritteln der weltweiten Solaranlagen und der Hälfte der weltweiten Windturbinen. Darüber hinaus ist China der weltgrößte Markt für Elektrofahrzeuge, und die Behörden erwägen, die Produktion von Benzin- und Dieselautos irgendwann zu verbieten. Lokale Hersteller von wiederaufladbaren Batterien werden durch staatliche Subventionen unterstützt, um nationale Marken im Wettbewerb mit ausländischen Produzenten zu stärken. China gilt zwar immer noch als größter Umweltverschmutzer der Welt. Doch das Ausmaß des Engagements für erneuerbare Energien zeigt, dass durchaus Hoffnung auf eine sauberere Umwelt in der Zukunft besteht.

Installierte Kapazitäten in China

  • Wasserkraft
  • Windenergie
  • Solarenergie
  • Investitionen in saubere Energien, ohne große Wasserkraftwerke (rechte Skala)
Quelle: Chinas Wasserrisiken auf der Basis von CEC, NEA und BNEF

Die weltweit zunehmende Nachfrage nach ESG-Anlagelösungen veranlasste einige der größten Unternehmen aus Schwellenländern, ihre ESG-Defizite anzugehen.

Auch in Indien wird die Nutzung fossiler Brennstoffe zugunsten von neuen Investitionen in Solarenergie reduziert. Im letzten Jahr stellte das Land die vermutlich größte Solarfarm der Welt vor und installierte die viertgrößten Solarkapazitäten hinter China, den USA und Japan. Darüber hinaus bestehen Pläne, alle 12 Binnenhäfen Indiens in den nächsten Jahren vollständig mit Solar- und Windenergie zu versorgen. Wenn dieses Ziel erreicht wird, wäre Indien das erste Land der Welt, in dem alle staatlichen Häfen durch erneuerbare Energien gespeist werden. Derzeit liegt das Land im Hinblick auf seine Solarenergiekapazitäten weltweit an siebter Stelle, nachdem es noch vor wenigen Jahren gar nicht im Ranking vertreten war.

Indiens Solarenergieziele im Jahresvergleich

Hinweise: GJ = Alle Jahre in der Grafik beziehen sich auf Geschäftsjahre vom 1. April bis zum 31. März. 1 Gigawatt = 1.000 Megawatt
Quellen: Bloomberg New Energy Finance (BNEF), The Economic Times, World Resources Institute, Mai 2016.

Corporate Governance ist ein weiterer Bereich, in dem die Schwellenländer jetzt bedeutende Anstrengungen unternehmen. Obwohl es bisher nur zäh vorangeht, dürften sich im Laufe der Zeit bessere Governance-Standards entwickeln. Denn in diese Märkte fließen Gelder von internationalen Anlegern, insbesondere institutionellen Anlegern, die sich ausdrücklich zum Ziel gesetzt haben, die Einhaltung von ESG-Kriterien in ihren Portfolios zu verbessern. Und da immer mehr Unternehmen in den MSCI-Emerging-Markets-Index und andere Indizes mit Schwellenländerfokus aufgenommen werden, werden zunehmend Verbesserungen der Corporate Governance gefordert, um das Interesse internationaler Anleger anzuziehen. Dies sind gute Nachrichten für ESG-Anleger, die den Blick auf die Schwellenländer richten, um Wachstum und Diversifizierung zu erreichen.

 

KAPITEL 8

Mehr entdecken: ESG
Integration in aktiv
verwalteten Strategien

Aktive Manager verfügen über die Freiheit und Flexibilität, ESG-Konzepte voll in ihre Anlagestrategien zu integrieren. Dies hilft den Anlegern dabei, sowohl ihre Investment- als auch ihre Stewardship-Ziele zu erreichen.

Viele aktive Manager haben begonnen, in ihren Anlageprozessen SRI-Kriterien zu berücksichtigen. Doch dieses Thema bietet große Spielräume für Interpretationen. Deshalb ist es wichtig, dass sich die Anleger mit den Ideen ihrer Vermögensverwalter in Bezug auf Stewardship, ESG und der Art und Weise vertraut machen, wie diese Ideen bei der Verwaltung ihrer Portfolios umgesetzt werden. Dies kann von der Orientierung an bestimmten Top-down-Themen über die Vermeidung bestimmter Sparten oder Branchen bis hin zur Nutzung von ESG-Indizes oder Nachhaltigkeitsrankings reichen, die als quantitativer Maßstab dafür dienen, wie das Portfolio seinen vermeintlichen Idealen gerecht wird. Jeder Manager hat seine eigene Philosophie, wie diese Faktoren am besten beurteilt werden können, und die Anleger müssen diese Methoden gut verstehen, um die potenziellen Auswirkungen auf ihre Portfolios einschätzen zu können.

Ein integrierter ESG-Ansatz – im Gegensatz zu einem groben Stewardship-Rahmen – bietet jedoch eine andere Sichtweise. Statt sich an Ratings von Dritten oder ungenau definierten „moralischen“ Eigenschaften zu orientieren, erfordern echte ESG-Anlagen eine genaue Untersuchung der mit der Anlage verbundenen ESG-Risiken und -Chancen, die wesentliche Auswirkungen auf ein Unternehmen haben könnten. Dies ist ein Maßstab für den echten Wert einer Anlage, genau wie eine Beurteilung der finanziellen Risiken. Ein solcher ESG-Ansatz erfordert ein Team mit umfassenden Kenntnissen dieser Arten von Risiken sowie ausreichende Ressourcen, um sie zu erkennen und im Kontakt mit den Unternehmen Vorschläge für mögliche Verbesserungen einzubringen.

Die Beurteilung von ESG-Kriterien in einer aktiv verwalteten Strategie hat viele potenzielle Vorteile. Die Auswahl von Anlagen in Unternehmen mit guter Unternehmensführung, die an einer transparenten Berichterstattung und konservativen Bilanzierungsmethoden abzulesen ist, kann zu weniger Finanzskandalen bei Unternehmen und einem geringeren Portfoliorisiko führen. Das Engagement für das Wohlergehen von Mitarbeitern und die Einhaltung fairer Arbeitspraktiken kann zu zufriedeneren und produktiveren Mitarbeitern führen. Und das Eintreten für die Einführung nachhaltiger Praktiken zum Schutz der Umwelt kann die Markenwahrnehmung verbessern, die Kundenloyalität stärken und vor Umweltkatastrophen schützen, die nicht nur die Gemeinschaft und die Lebensgrundlagen gefährden, sondern auch rechtliche Folgen haben und den Ruf schädigen können. Diese Vorteile umfassen alle Arten von Anlagen, sowohl in traditionellen als auch in nicht traditionellen Anlageklassen.

Eine der wichtigsten Aufgaben eines aktiven Managers besteht in einem intensiven Engagement bei den Unternehmen, in die der Manager investiert.

Eine ganzheitliche ESG-Integration in den aktiven Managementprozess beinhaltet in der Regel die folgenden Schritte:

  • Verstehen der wesentlichen Probleme und Risiken eines Unternehmens
  • Ganzheitliche Einschätzung der Stärken und Schwächen eines Unternehmens
  • Erarbeitung einer genauen Vorstellung der Geschäftstätigkeit als Voraussetzung für eine Anlage in dem Unternehmen
  • Erkennen der drängendsten Risiken eines Unternehmens, Feststellen ihrer potenziellen Auswirkungen auf das Portfolio und Herausfinden, wie diese Risiken bewältigt werden können
  • Pflege einer produktiven Beziehung mit einem potenziell oder aktuell im Portfolio vertretenen Unternehmen durch den kontinuierlichen, intensiven Kontakt mit der Unternehmensleitung

Praktische Anwendungen von ESG-Anlagen

Eine der wichtigsten Aufgaben eines aktiven Managers besteht in einem intensiven Engagement bei den Unternehmen, in die der Manager investiert. Die Kultivierung einer offenen Kommunikation mit der Unternehmensleitung über bestimmte Risiken und Probleme kann dazu beitragen, das Unternehmen in die richtige Richtung zu steuern. So kann der Vermögensverwalter eine wichtige Rolle bei der Förderung der Werte spielen, die er mit seinen Anlagen unterstützen möchte. Ein kontinuierlicher Kontakt hilft den Verwaltern auch bei der laufenden Beurteilung, welche Unternehmen und Managementteams die meiste Qualität bieten.

Ein dauerhaftes Engagement ist eine wichtige Voraussetzung, um die Werte und das Geschäftsmodell eines Unternehmens zu verstehen. Langfristig denkende Investoren müssen bei ihren Kontakten mit der Unternehmensleitung einen guten Eindruck bekommen, damit sie beurteilen können, ob das Unternehmen über einen längeren Zeithorizont hinweg eine Wertsteigerung erzielen kann. Ein solches Engagement kann Bedenken des Managers lindern oder zusätzliche Risiken bewusst machen. Positive Veränderungen bei einem Unternehmen erfordern möglicherweise Zeit und Ausdauer. Doch Vermögensverwalter mit langfristiger Ausrichtung müssen gründlich und beharrlich vorgehen, um Chancen zu nutzen und die Unternehmen in ihrem Portfolio positiv zu beeinflussen.

Mit einem ganzheitlichen Ansatz und einem kontinuierlichen Engagement kann ein Vermögensverwalter zwar einzigartige Einblicke in die Unternehmen im Portfolio gewinnen. Das reicht aber nicht aus. Er muss auch über die analytischen Kompetenzen, die Intelligenz und die Fähigkeiten verfügen, die nötig sind, um potenzielle Chancen zur Generierung von Alpha (der Möglichkeit, eine bessere Rendite zu erwirtschaften als der Markt) zu finden. Anleger sollten ruhig neugierig sein und sich erkundigen, wie ein Manager ESG-Kriterien in seine Gesamtstrategie einbezieht, und welche Rolle dies bei der Erwirtschaftung der Portfoliorenditen spielt.

 

KAPITEL 9

Mit voller Kraft voraus:
Was hält die Zukunft
für ESG bereit?

ESG-Investments sind ein fester Bestandteil der Welt der Kapitalanlagen geworden. Aber für diejenigen, die mit ihren Anlagen zu einer besseren Welt beitragen möchten, gibt es immer noch viel zu tun. Hier sind einige Trends, die die Zukunft der ESG bestimmen:

  • Größere Transparenz durch Berichterstattung. Die Anleger erwarten zunehmend, dass Unternehmen und Vermögensverwalter wichtige ESG-Aspekte offenlegen. Die aktuelle Herausforderung besteht darin, diese Informationen in einem standardmäßigen, umfassenden Format zu präsentieren. Das Sustainability Accounting Standards Board (SASB) hat bei der Festlegung von Standards zur Offenlegung wesentlicher Risiken mitgewirkt und bemüht sich um die Einbeziehung dieser Offenlegungen in die standardisierten Berichte, die bei der Börsenaufsicht vorgelegt werden müssen (10-K-Berichte), sowie in Prospekte für einen Börsengang (IPO).
  • Mehr Manager-Ressourcen werden für ESG- Analysen aufgewendet. Die Popularität von ESG-Investments dürfte weiter zunehmen. Manager, die als namhafte, gut informierte Kenner von ESG-Themen gelten möchten, müssen deshalb vermutlich mehr Research-Fachleute einstellen, die sich auf verantwortliches Investieren spezialisiert haben. Möglicherweise kommt es sogar zur Entwicklung ESG- spezifischer Investment-Qualifikationen, die einen Branchenstandard für die ESG-Kompetenz darstellen.
  • Ausweitung auf alternative Anlagen. Einige alternative Vermögensverwalter beziehen ESG-Aspekte in ihre Investments ein. Im Zuge der wachsenden Anlegernachfrage dürfte dies zunehmend ausgeweitet werden. Ebenso wie Manager von traditionellen Anlagen werden auch alternative Vermögensverwalter Best Practices für die Einbeziehung von ESG in ihren gesamten Anlageprozess entwickeln müssen. In diesem Bereich könnte Transparenz zu einer größeren Herausforderung werden, da es sich dabei um Unternehmen im privaten Eigentum handelt, die nicht verpflichtet sind, detaillierte Berichte über ihre Strategien vorzulegen. Der zunehmende Wunsch der Anleger nach einem umfassenderen Verständnis dafür, wie ihre Portfolios ESG-Aspekte fördern, könnte jedoch auch alternative Manager veranlassen, eine ausführlichere Berichterstattung zu diesen Faktoren zu entwickeln.

Ähnlich wie in der Chemie gibt es in der Welt der ESG-Anlagen noch viel zu lernen und zu entdecken.

Es lässt sich kaum bestreiten, dass eine stärkere Ausrichtung auf ESG-Grundsätze auf Anlagestrategien, Geschäftspraktiken und Unternehmen in aller Welt ein großes Potenzial haben wird, wenn diese Entwicklung weiter an Dynamik gewinnt. Und das ist erst der Anfang.

Ähnlich wie in der Chemie gibt es in der Welt der ESG-Investments noch viel zu lernen und zu entdecken. Weltweit haben viele Unternehmen und Staaten festgestellt, dass sie ihren Umgang mit Ressourcen verbessern müssen. Dies gilt sowohl für Natur-, als auch für Human- und Kapitalressourcen. Anleger treiben diese Entwicklung voran, wenn sie ihr Geld in Unternehmen investieren, die mit innovativen Lösungen für die vielen ökologischen und sozialen Probleme weltweit zur Verbesserung der Welt beitragen, die sie umgibt.

Wenn die Grundelemente der ESG identifiziert und in den Anlageprozess integriert werden, können Anleger und Vermögensverwalter gleichermaßen auf diesen Grundsätzen aufbauen, um die Erzielung von Renditen und ein verantwortungsbewusstes Handeln unter einen Hut zu bringen. Wir können uns nur vorstellen, welche Möglichkeiten noch vor uns liegen. Aus unserer Sicht ist die Zukunft auf jeden Fall sehr vielversprechend.

 

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Risikohinweis

Der Wert jedes Investments und die Einkünfte daraus können sinken oder steigen und Sie erhalten möglicherweise weniger als den investierten Geldbetrag zurück.